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Diplomatisches Korps bei Bundespräsident

26.01.2026

Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellenm anlässlich des Neujahrsempfangs für das Diplomatische Corps

Hochwürdigster Herr Apostolischer Nuntius,

ich danke Ihnen herzlich für Ihre freundlichen Neujahrswünsche im Namen des Diplomatischen Corps.

Sehr geehrte Frau Bundesministerin Meinl-Reisinger,
sehr geehrter Herr Staatssekretär Schellhorn,
sehr geehrter Herr Generalsekretär, Herr Botschafter Marschik,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,

ich heiße Sie herzlich willkommen in der Hofburg, willkommen zu einem neuen Jahr und zu einem neuen Neujahrsempfang.

So erfreulich es ist, Sie alle hier zu sehen – und das ist es ohne Zweifel –, so muss ich doch gestehen, dass sich diese alljährliche Übung, die Ereignisse der vergangenen zwölf Monate Revue passieren zu lassen und einen Ausblick auf die kommenden zu wagen, in den letzten Jahren verändert hat. Ich wünschte, ich könnte sagen: zum Besseren.

Im vergangenen Jahr habe ich davon gesprochen, dass wir in „interessanten Zeiten“ leben.
Nun, das tun wir weiterhin. Ich würde sogar sagen: Das Einzige, was sich nicht geändert hat, ist die Erkenntnis, dass wir in Zeiten tiefgreifenden Wandels leben.

In einem regelrechten Strudel der Veränderung. Der russische Angriffskrieg ist noch brutaler geworden. Tag für Tag werden Menschen getötet, zivile Infrastruktur wird gezielt angegriffen – insbesondere Energieanlagen –, wodurch große Teile der ukrainischen Zivilbevölkerung Kälte und Dunkelheit ausgesetzt sind.

In Israel und Gaza besteht ein äußerst fragiles Abkommen, das die Rückkehr von Geiseln sowie die Übergabe der sterblichen Überreste der Toten an ihre Familien ermöglicht hat. Die Menschen in Gaza haben eine dringend benötigte Atempause von massiven militärischen Angriffen erhalten und besseren Zugang zu humanitärer Hilfe. Dennoch leben viele weiterhin unter äußerst prekären Bedingungen. Ich hoffe sehr auf eine rasche Verbesserung ihrer Lage sowie auf eine zügige und vollständige Umsetzung des gesamten Friedensplans.

Der seit April 2023 andauernde Krieg im Sudan hat sich weiter verschärft und verursacht enormes Leid unter der Zivilbevölkerung – ein Ende ist nicht absehbar.

Hinzu kommt die grausame und brutale Unterdrückung von Protesten im Iran, bei der Tausende ihr Leben verloren haben, nur weil sie von einem demokratischen Grundrecht Gebrauch machten: friedlich auf die Straße zu gehen.

Und dann, zu Beginn des Monats Jänner, die Intervention der Vereinigten Staaten in Venezuela und die Festnahme des – aus unserer Sicht illegitimen – Präsidenten, ein Vorgehen, das gegen das Völkerrecht verstößt.

Sowie die unverhohlenen Versuche eines einst als Freund betrachteten Staates, Grönland zu übernehmen – ein Gebiet, das Teil des Königreichs Dänemark ist, eines engen Verbündeten sowie verlässlichen NATO- und EU-Mitgliedstaates.

Es gibt viele weitere Krisen und Konflikte – zu viele, um sie hier alle anzusprechen, obwohl jede einzelne eine eingehende Diskussion verdienen würde. Doch so besorgniserregend diese Krisen auch sind, es gibt ein noch größeres und noch beunruhigenderes Gesamtbild:

Die Rückkehr klassischer Machtpolitik in vielen Teilen der Welt.
Ein Denken in Einflusszonen und Hemisphären, innerhalb derer Großmächte es für legitim halten, gegenüber kleineren Staaten Gewalt und Zwang anzuwenden. Die Aushöhlung der regelbasierten internationalen Ordnung und des Multilateralismus.

Exzellenzen, an dieser Stelle spreche ich üblicherweise über die Notwendigkeit, dass Europa zusammensteht, Kräfte bündelt und durch Einheit Stärke gewinnt.

Das ist mir ein großes Anliegen. Europa darf sich weder von innen noch von außen spalten lassen.

Europa braucht einen europäischen Patriotismus – ein Gefühl, ja eine Gewissheit der Zusammengehörigkeit, des füreinander Einstehens. Als positives Beispiel möchte ich die jüngsten Erklärungen Dänemarks und mehrerer europäischer Partner anführen, die unmissverständlich betont haben, dass allein Dänemark und Grönland über die Zukunft Grönlands entscheiden – und die ihre volle Solidarität bekräftigt haben. Dies war eine rasche, klare und eindeutige Reaktion.
In Davos werden wir in wenigen Stunden mehr darüber hören, wohin sich diese Entwicklungen bewegen.

Meine Damen und Herren,

in diesem Saal befinden sich zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter von Staaten außerhalb Europas. Daher möchte ich auch eine Botschaft unterstreichen, die über Europa hinausgeht.

Diese Botschaft lautet: Glauben wir an die hohe Kunst der Diplomatie.

Das bedeutet: miteinander zu sprechen. Einander zuzuhören.
Die Kunst der Verhandlung über alles andere zu stellen – über Machtpolitik, über militärische Mittel, über den Einsatz von Zöllen als politisches Instrument. Mehr „leise sprechen“ und weniger „mit einem großen Stock auftreten“, um ein berühmtes Wort von US-Präsident Roosevelt zu paraphrasieren. Und das Prinzip der Zusammenarbeit innerhalb einer Gemeinschaft von Nationen hochzuhalten – ein Prinzip, das kurzfristige Machtgewinne und Einzelinteressen überwiegen muss.

Denn letztlich profitieren alle Staaten, große wie kleine, von einer Welt des Friedens, des Wohlstands und der Gerechtigkeit. Und alle verlieren, wenn sie von Instabilität und Armut umgeben sind.

Nicht nur Europa muss zusammenstehen. Alle Staaten, die an diese Werte glauben, müssen sich zusammenschließen und für sie eintreten. Wir müssen – um einen weiteren bekannten Begriff eines US-Präsidenten aufzugreifen – zu einer neuen „Achse des Guten“ werden.

Exzellenzen,

dies ist meine Neujahrsbotschaft an Sie – an Sie als Diplomatinnen und Diplomaten, als Fachleute auf diesem Gebiet.

Im vergangenen Jahr haben wir 80 Jahre Vereinte Nationen gefeiert, 70 Jahre Österreichs Beitritt zur UNO, 50 Jahre Gründung der OSZE und 30 Jahre Österreichs Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Ein guter Anlass, sich daran zu erinnern, dass wir bereits über Foren und Prozesse verfügen, um zusammenzukommen und Probleme gemeinsam zu lösen.mJa, viele ihrer Instrumente erscheinen in der heutigen anspruchsvollen Lage veraltet oder schwach. Und ja, Kritik an diesen Foren und Prozessen ist legitim.

Doch die Welt wäre ohne sie eine deutlich schlechtere. Gerade angesichts der vor uns liegenden Herausforderungen brauchen wir Strukturen, die eine Grundlage für Regeln und eine internationale Ordnung schaffen. Strukturen, die zur Zusammenarbeit anregen. Die ein System ermöglichen, in dem nicht allein Größe und militärische Stärke zählen, sondern in dem alle gleiche Rechte genießen – auch kleinere Staaten wie mein Land, Österreich.

Österreich ist stolz darauf, Gastgeber einiger dieser Institutionen zu sein – der Vereinten Nationen, der OSZE und anderer. Und wir sind ebenso stolz darauf, als Kandidat für einen nichtständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu kandidieren; die Wahlen finden im Juni dieses Jahres statt. Wir kandidieren, weil wir daran glauben, dass Multilateralismus diese Welt zu einem besseren Ort macht. Und dass kleine, neutrale Staaten – Staaten ohne große militärische oder wirtschaftliche Macht – auf der internationalen Bühne etwas bewirken können, wenn sie sich auf einen verlässlichen Rahmen stützen können.

Exzellenzen, wenn wir dieses neue Jahr 2026 beginnen – mit all den Prüfungen, die es mit sich bringen mag und bringen wird –, dann lassen Sie uns daran erinnern, dass wir es sind – Politikerinnen und Politiker, Diplomatinnen und Diplomaten –, die über die Instrumente verfügen, um die Grundlage für bessere Zeiten zu legen. Ich weiß, dass Sie im vergangenen Jahr mit großem Engagement daran gearbeitet haben. Und ich weiß, dass Sie dies auch im neuen Jahr tun werden.

Ich danke Ihnen für Ihren Einsatz und für Ihren Glauben an eine Zukunft des Dialogs, der Rechtsstaatlichkeit, der Gerechtigkeit und des Friedens.

Danke, dass Sie heute hier sind.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Angehörigen ein glückliches und erfolgreiches Jahr 2026.


Fotos: HBF/Lechner
 

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