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150 Jahre Naturhistorisches Museum

29.04.2026

Das Naturhistorische blickt kritisch zurück

Vor 150 Jahren wurde das Naturhistorische Museum (NHM) Wien offiziell gegründet. Zum Jubiläum wirft das Haus einen selbstkritischen Blick auf die eigene Geschichte: Die Sonderausstellung „Gutes Sammeln – Böses Sammeln“ erzählt, wie das Museum von Kolonialismus, Nationalsozialismus und der Jagdlust der Habsburger profitierte, und zeigt Ungewöhnliches: vom Pyramidenstück bis zum Modell eines Amphibienpenis.

Weil die Räume der Hofburg Mitte des 19. Jahrhunderts zu klein wurden, beschloss man am 29. April 1876 den Bau am Ring. Die Geschichte der Sammlung reicht noch weiter zurück: Um 1750 erwarb Franz I. Stephan von Lothringen eine Privatsammlung von 30.000 Objekten, die seine Frau Maria Theresia nach seinem Tod öffentlich zugänglich machte.

Heute beherbergt das Museum über 30 Millionen Objekte: Fest- und Flüssigpräparate, Knochen, Fossilien, Scherben, Gesteinsproben, Pflanzen und Insekten aus den verschiedensten Zeiten und Orten. Großartig für die dort intensiv betriebene Grundlagenforschung – aber mit teils fragwürdiger Provenienz.

„Punk“ statt Biedermeier

Von einem „selbstbewusst kritischen Feiern“ war bei der Präsentation der Jubiläumsausstellung die Rede. Der Titel „Gutes Sammeln – Böses Sammeln“ ist dabei leicht irreführend, denn es geht weniger um Gut und Böse, sondern um Einblicke hinter die Kulissen des Hauses und eine differenzierte Auseinandersetzung mit den teils „janusköpfigen Objekten“, wie Mathias Harzhauser, Direktor der Geologisch-Paläontologischen Abteilung und Kokurator der Jubiläumsschau, betonte. Wissenschaftliche Einzigartigkeit und problematischer Erwerbskontext schließen sich nicht aus.

Ein imposantes Beispiel ist dafür ein Gorillamännchen, das die k. u. k. Monarchie 1847 im Wettbewerb der Museen über die französische Kolonialmacht für sich gewinnen konnte. Für das Präparat findet man mit dem Titel „Spektakulär unethisch!“ deutliche Worte.

Die Schau wurde bewusst zeitgemäß und zugänglich gestaltet – als Kontrapunkt zu den historischen Holzvitrinen, die das Museum bis heute prägen: „Wir versuchen, ungewöhnliche optische Elemente zu haben, dieses Statische zu brechen. Die Leute kommen zu uns, erwarten Biedermeier, was sie bekommen, ist Punk“, sagte Harzhauser.

Cocktailbar und „Vielfaltsturm“

An eine New Yorker Cocktailbar soll etwa die „Typus-Bar“ im ersten Hauptraum erinnern: In den länglichen Glasbehältnissen sieht man nicht nur bernsteinfarbenen Alkohol, sondern auch besonders wertvolle Schlangen- und Echsenpräparate.

Daneben steht der „Vielfaltsturm“ mit übereinander gestapelten Vitrinen: Darin sind Hunderte Amethyste, fossile Haifischzähne, Schmetterlinge und Käfer ausgestellt – eine Station, die erklären soll, warum die Masse an Objekten manchmal nötig ist: In der Forschung können erst so Variationsbreiten ermittelt und Analysen durchgeführt werden, bei denen einzelne Exemplare beschädigt bzw. zerstört werden müssen.

Erzherzog Franz Ferdinand im Ego-Shooter

Die Masse an toten Tieren kann und will das Museum aber nicht immer legitimieren. Kritisch – und unorthodox – kann man sich in einem pixeligen Ego-Shooter-Videospiel mit Erzherzog Franz Ferdinand messen, der in seinem knapp 50-jährigen Leben 274.000 Tiere erlegte.

Doch nicht nur der Sammelwahn der k. u. k. Monarchie war legendär. „Damals galt: Je mehr man hat, desto besser“, erklärte Harzhauser zur Sammelkultur im 19. Jahrhundert. „Natürlich haben wir von den Netzwerken der Kolonialmächte profitiert“, so der Kurator zum Mythos der kolonialen Unschuld der Habsburgermonarchie.

Koloniales Erbe

Von kolonialen Strukturen profitierte auch die Fregatte „Novara“, die mit über 26.000 Präparaten nach Wien zurückkehrte: Nicht nur der hier ausgestellte Albatros war darunter, sondern auch menschliche Überreste – gezeigt wird eine zeichnerische Dokumentation des rassistisch klassifizierten „Indianerschädels aus den Gräbern von Pachacamac“. Der Kolonialismus bedeutete den Bruch mit der Ethik – Grabschändungen seien teils bewusst in Kauf genommen worden, so Harzhauser.

Raubgut aus der NS-Zeit

Im Nationalsozialismus wurde im KZ Gusen ein Häftlingskommando zu Ausgrabungen gezwungen. Auch profitierte das Museum von Notverkäufen von Jüdinnen und Juden. Seit 1998 regelt das Kunstrückgabegesetz die Restitution von NS-Raubgütern, für 15 Sammlungskonvolute wurde bereits eine Rückgabe empfohlen. Mit der Provenienz menschlicher Überreste beschäftigt sich das Haus seit 2021.

Neue ethische Standards

Heute gibt es strenge ethische Standards: Was darf man sammeln? Diese Frage wird in der Ausstellung anhand von Beschlagnahmungen gestellt, die über Zollkontrollen ins Museum gelangten.

Auch was wertvoll ist und was nicht, hat sich im Laufe der Geschichte teils stark gewandelt: Für die Echte Wendeltreppen-Schnecke mit ihrem hübschen weißen Turmgehäuse, die heute wenige Euro wert ist, soll Kaiser Franz Stephan unglaubliche 4.000 Gulden – heute etwa 100.000 Euro – bezahlt haben. Die unscheinbare fossile Mondschnecke ist dagegen unermesslich wertvoll: Sie ist die einzige ihrer Art.

Venus von Willendorf als Projektionsfläche

Dass vieles eine Frage der Perspektive ist, zeigt der zweite große Raum, der sich 15 Objekte genauer anschaut: Zu jedem sind zwei unterschiedliche Audiostimmen zu hören. In der Mitte steht ein übergroßer Nachbau der Venus von Willendorf, der wohl berühmtesten Projektionsfläche des Naturhistorischen Museums: Von der Göttin bis zum Body-Positivity-Modell gab es schon die unterschiedlichsten Zuschreibungen.

Zu sehen ist hier auch – ausnahmsweise, weil ethisch bedenklich – der Schädel des „Homo sapiens“ („Sind wir tatsächlich so besonders?“). Und da ist noch das Modell eines Amphibienpenis, angefertigt für die Herpetologie-Ausstellung, aber letztlich nie gezeigt – weil „das Präparat ein bisschen aussieht wie aus einem Pornoshop“, so Harzhauser.

In der Gesamtschau präsentiert sich die Ausstellung als sehenswerter Kompromiss zwischen Leistungsschau und kritischer Bestandsaufnahme. Das enorme Themenspektrum wird allerdings oft nur angerissen – vieles bleibt an der Oberfläche. Eine schonungslose, tiefschürfende Aufarbeitung der eigenen Geschichte bleibt damit weiterhin ausstehend.


https://www.nhm.at/gutes_sammeln_boeses_sammeln


Fotos: NHM/Chloe Potter

 

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