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Architektur im Ringturm: Unbekanntes Böhmen

15.07.2026

Unbekanntes Böhmen

Nach Ausstellungen u. a. zu Mähren oder zur Prager Burg widmet sich „Architektur im Ringturm“ nun dem größeren Teil der Tschechischen Republik, der trotz seiner kulturellen und historischen Bedeutung vielfach im Verborgenen geblieben ist: Böhmen. Entlang von Eger, Elbe und Moldau begegnen Besucher:innen einer Fülle überraschender Bauwerke. Die Ausstellung spannt den Bogen von Romanik, Gotik, Renaissance und Barock bis zur Architektur des 20. Jahrhunderts mit Werken u. a. von Josef Hoffmann, Pavel Janák, Jan Kotěra, Heinrich Kulka oder Jože Plečnik. Fotografien, Pläne und Geschichten laden dazu ein, ein Land neu zu entdecken, das näher liegt als gedacht – und dennoch voller Überraschungen ist.

Ausstellungsort:
Ausstellungszentrum im Ringturm
Schottenring 30, 1010 Wien

Kurator: Adolph Stiller
Konzept und Beratung: Stephan Templ (Prag)

Die Ausstellung ist ab dem 15. Juli von Montag bis Freitag jeweils von 9 bis 18 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet.

Eine Entdeckungsreise abseits der bekannten Wege

Böhmen zählt zu den reichsten Kulturlandschaften Europas. Dennoch konzentriert sich die
Wahrnehmung häufig auf Prag oder bekannte Kurorte wie Karlsbad. Die Ausstellung „Unbekanntes
Böhmen“ richtet den Blick bewusst auf die weniger bekannten Regionen des größten historischen
Landesteils der Tschechischen Republik. Sie führt zu verborgenen Städten, außergewöhnlichen
Bauwerken und Landschaften, die trotz ihrer architektonischen und kulturhistorischen Bedeutung
vielfach im Verborgenen geblieben sind. Basis der Ausstellung bilden zahlreiche Forschungsreisen
durch Böhmen sowie umfangreiche Literatur- und Archivstudien. Dadurch ist ein neuer Blick auf eine
Region entstanden, deren kultureller Reichtum weit über die bekannten Sehenswürdigkeiten
hinausreicht.

Böhmens Flüsse als kulturhistorische Reiserouten

Die Ausstellung folgt den großen Flüssen Böhmens – Moldau, Elbe und Eger – sowie den
Landschaften zwischen ihnen. Diese Flüsse bilden nicht nur geografische Achsen, sondern erzählen
zugleich die Geschichte der Entwicklung des Landes. Entlang ihrer Ufer begegnen Besucherinnen
und Besucher einer beeindruckenden Vielfalt an Burgen, Schlössern, Kirchen, Klöstern, Synagogen,
historischen Stadtanlagen und technischen Bauwerken wie Brücken, Kraftwerken oder
Wassertürmen. Die ausgewählten Beispiele spannen einen Bogen von der Romanik über Gotik,
Renaissance, Barock und Historismus bis zur Architektur der Moderne und zeigen Böhmen als
außergewöhnlich vielschichtigen Kulturraum Mitteleuropas.

Landschaft, Wirtschaft und Baukultur

Ein weiterer Schwerpunkt gilt den wirtschaftlichen Grundlagen, die den außergewöhnlichen
Baubestand Böhmens erst ermöglichten. Die traditionsreiche Fischteichwirtschaft rund um Třeboň,
die bis heute größte historische Teichlandschaft Mitteleuropas, der Hopfenanbau und die
Bierbraukultur sowie die fruchtbaren Agrarlandschaften schufen über Jahrhunderte Wohlstand und
prägten Städte ebenso wie Schlösser, Gutshöfe und Industrieanlagen. Auch scheinbar unscheinbare
Bauaufgaben wie Speicherbauten, Brauereien oder landwirtschaftliche Anlagen werden als Teil einer
einzigartigen Kulturlandschaft sichtbar.

Böhmen und Wien – ein gemeinsamer Kulturraum

Die Ausstellung zeigt darüber hinaus die engen kulturellen, wirtschaftlichen und persönlichen
Verflechtungen zwischen Böhmen und Österreich. Zahlreiche Kunstschaffende und Persönlichkeiten
aus Architektur, Musik, Literatur und Wirtschaft stammen aus Böhmen oder standen in enger
Beziehung zur Region. Gustav Mahler, Antonín Dvořák oder Bedřich Smetana ebenso wie Gustav
Klimt, Egon Schiele oder bedeutende Unternehmerfamilien der Donaumonarchie sind Teil dieser
gemeinsamen Geschichte. Damit eröffnet die Ausstellung einen Blick auf Böhmen als wichtigen
kulturellen Resonanzraum Mitteleuropas, dessen Bedeutung weit über seine geografischen Grenzen
hinausreicht.

Architektur der Moderne

Besonderes Augenmerk gilt der Architektur des 20. Jahrhunderts. Neben bedeutenden tschechischen Architekten wie Jan Kotěra, Pavel Janák oder Josef Gočár werden auch Werke österreichischer Architekten wie Josef Hoffmann, Jože Plečnik, Heinrich Kulka, Leopold Bauer oder Fellner & Helmer vorgestellt. Weniger bekannte Bauten, darunter Villen, Theater, Kirchen, Sparkassengebäude, Industrieanlagen und Gedenkstätten, dokumentieren die hohe Qualität der Architektur bis weit in die Provinz hinein. Auch Beispiele zeitgenössischer Architektur sowie gelungene Restaurierungen und Umnutzungen historischer Gebäude zeigen, dass Böhmen bis heute ein Ort bemerkenswerter Baukultur geblieben ist.

Ein neuer Blick auf Böhmen

Die Ausstellung versteht sich als Einladung, Böhmen neu zu entdecken – nicht als nostalgischen
Erinnerungsraum, sondern als lebendige europäische Kulturlandschaft. Eigens angefertigte
Fotografien, historische Dokumente und fundierte Recherchen machen ein reiches architektonisches
Erbe ebenso sichtbar wie die vielfältigen historischen Beziehungen zwischen Böhmen, Österreich und dem übrigen Mitteleuropa.

Auswahl einiger Orte in Böhmen: Bechyně

Bechyně ist mit Tábor durch die erste elektrifizierte Eisenbahnstrecke der Monarchie (eröffnet 1903)
verbunden. Der Ort ist seit dem 17. Jahrhundert als Heilbad bekannt. 1884 wurde die heute noch
bedeutende Keramikschule gegründet. Die auf einem hohen Felsen gelegene Burg ging aus einem
gotischen Bau hervor. Die Kirche Mariä Himmelfahrt im aufgelassenen Kloster birgt die zweischiffige
Halle mit den bedeutendsten Zellengewölben (Diamantgewölben) Böhmens.

Ebenfalls in Bechyně: Des Wagnerschülers Jan Kotěras (Begründer der tschechischen Moderne)
Interesse und seine Kenntnis der Architektur der englischen und schottischen Landhäuser (z. B. von
Charles Voysey), ebenso wie der Arts and Crafts Bewegung sind in einem Werk seiner Frühphase –
ein Haus für die Familie Mácha – deutlich sichtbar. Die räumliche Entwicklung sowie der gediegene,
handwerklich hochstehende Innenausbau zeigen zudem noch starke Bezüge zur Wiener Architektur
seiner Studienzeit bei Otto Wagner.

Ústí nad Orlicí

Nachdem die Stadt 1845 an die Bahnstrecke Prag – Olmütz angeschlossen worden war,
siedelten sich hier mehrere große Textilfabriken an. Zu den größten Unternehmen zählten: die
Akciové textilní závody Jan Hernych a syn, Adolf Jandera, eine Maschinenweberei und
Veredelungsfabrik, Friedrich Pollak & syn – eine Modewarenfabrik des Wiener Industriellen Friedrich
Pollak – und die Firma Josef Sobotka – eine Weberei und Spinnerei. Die Unternehmen Pollak und
Sobotka wurden 1939 „arisiert“. Nach 1948 wurden alle Unternehmen verstaatlicht und in das
Unternehmen „Perla“ eingegliedert, das 2009 seinen Betrieb einstellte.

Der erfolgreiche Librettist und Schriftsteller Fritz Löhner-Beda (eigentlich Bedřich Löwy)
wurde hier 1883 geboren. Berühmtheit erlangte er mit den Libretti zu den Operetten „Das Land des
Lächelns“ und „Die Blume von Hawaii“. Auch die Tatsache, dass in dieser Kleinstadt 1935 ein Theater
nach den Plänen von Kamil Roškot errichtet wurde, ist erstaunlich. Die Finanzierung des Baus
erfolgte durch öffentliche Spenden.

Das Roškot Theater gilt als Hauptwerk des Prager Architekten Kamil Roškot (geboren 1886 in Vlašim,
gestorben 1945 in Paris), der sich an der Deutschen Technischen Hochschule ausbilden ließ. Es ist
ein singulärer Bau in der Tschechischen Moderne. Die Komposition zeichnet sich durch das Spiel mit
den Grundformen der geometrischen Körper aus, das nicht zuletzt auf die Wirkungen der damaligen
internationalen Architekturdiskussion (Le Corbusier oder CIAM-Kongresse im Westen oder die
Konstruktivisten in Russland) zurückzuführen ist.

https://www.airt.at/ausstellung/boehmen/

Fotos: Adoöph Stiller/Andreas Haller/

 

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